Weshalb sich der freie Wille selbst im Weg steht

Jean-Paul Sartre schreibt in seinem Text „Entwurf, Entscheidung, Verantwortung“ von einem Wesen, bei dem ‚die Existenz der Essenz vorausgeht’. Dieses Wesen existiert bevor es definiert werden kann, es wurde also metaphorisch ausgedrückt als leeres Buch geboren. Das Wesen ist der Mensch, der Autor seines eigenen Buches. Die Existenz ist allen lebenden Menschen gegeben, doch was sie daraus machen, welche Entscheidungen sie treffen und welchen Entwurf sie von sich selbst haben, die Essenz, wie Sartre dies nennt, diese unterscheidet sich bei jedem Menschen.

Sartre statuiert mehrere Grundsätze seiner Lehre, des atheistischen Existenzialismus. Dabei spielt die Verantwortung eine wichtige Rolle. Er ist nämlich der Meinung, dass es keinen von Gott geplanten Weg durch das Leben eines Menschen gibt, kein Schicksal und auch keine Bestimmung. Der Mensch ist bloss das Ergebnis seiner Entscheidungen, völlig selbstverantwortlich für alles, was er tut. Er ist seit seiner Geburt dazu verurteilt, frei zu sein und indem er Entscheidungen für sich selbst trifft, entscheidet er für die ganze Menschheit. Denn, so der Text, weil der Mensch unter allen Menschen wählt, sich selbst zu sein, kann er gar nicht das Schlechte wählen, weil jeder Mensch das, was er für sich gewählt hat für das Gute empfindet. Er bejaht folglich das, wozu er sich aktiv entschieden hat, zu sein.

Doch, wenn nun jeder Mensch entscheidet, wie er lebt und wenn, auch falls er sich dazu entscheidet, schlecht zu sein, es für ihn immer noch das Gute ist, so hat doch der Mensch, gerade weil er die Möglichkeit hat, zu wählen, gar keinen freien Willen. Denn was auch immer er wählt, basiert auf Gedanken über die bestmögliche Alternative, die er am meisten verantworten kann oder die ihm am meisten Vorteile bietet. Weil er dies gezwungenermassen tut und laut dem atheistischen Existenzialismus für alles, was er ist und wozu er sich entschieden hat, selbst verantwortlich ist, empfinde ich seine Essenz nicht als Ergebnis des freien Willens, sondern als ein Produkt der Unausweichlichkeit des freien Willens. Um diese These weiter zu denken, könnte man es wagen, zu sagen, dass eben weil der Mensch kein Schicksal, keine Bestimmung hat, es sein einziges bestimmtes Schicksal ist, sein Leben lang keine Entscheidung, kein Gedanke, keine Handlung ohne die unüberbrückbare und beeinflussende Präsenz des freien Willens zu fassen. Wenn ein Mensch also die Möglichkeiten A, B oder C hat und sich für C entscheidet, so hat er dies aufgrund seiner Erfahrungen, die er bereits gesammelt hat, getroffen. Sobald er sich entschieden hat, steht fest, dass er sich für nichts anderes als C entschieden hätte können. Ein Aussenstehender würde wohlmöglich behaupten, er hätte ja eine Wahl gehabt, doch eben weil er die Entscheidunge basierend auf seinem Gedankengut fällte, hatte er eben keine Wahl, sich anders entscheiden zu können, da Variante C die für ihn als die beste Option eingestuft ist. Die einzige Entscheidung, die der Mensch nicht fällen kann, ist, keinen freien Willen zu haben. Ich schliesse daraus, so ironisch es auch klingen mag, dass der freie Wille das einzige ist, das uns von dem wirklich freien Willen fern hält und es somit nicht möglich ist, einen freien Willen zu haben, solange es den freien Willen gibt.

Ich bin nun zwar etwas vom eigentlichen Text abgekommen, doch diese Gedanken kamen mir während dem Lesen in den Sinn und ich wollte sie etwas weiterspinnen. Falls jemand noch Verbesserungen, Fragen oder Anmerkungen dazu hat, bin ich natürlich gerne offen, diese zu diskutieren.

 

-SB

Sartre und die Einzigartigkeit

Eine der Kernaussagen des Sartre Texts “Entwurf, Entscheidung, Verantwortung” ist, dass der Mensch nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen Menschen definiert. Denkt man über diese Aussage nach, erscheint sie einem mit der Zeit immer wahrer. Zumindest ging es mir so.

Sartre schreibt: „Es bedeutet, dass der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert.“ und beschreibt so den atheistischen Existentialismus. Bei genauerer Betrachtung der Gesellschaft fallen mir einige Dinge auf, die diese Aussage bestätigen.
Denkt man zum Beispiel an die kindliche Entwicklung so kann man nicht leugnen, dass das Kind definiert wird durch den Einfluss der Eltern. Das Kind bemerkt dies nicht, es existiert erst und ist noch nicht in der Lage, zu begreifen was mit ihm geschieht. Doch wird es älter, so wird es selbst anfangen andere Menschen zu definieren und zu beeinflussen.

Auch wenn in der heutigen Zeit jeder Mensch einzigartig und sich selbst sein will, zeigt genau dies in gewissem Sinne die Definition der Menschheit durch den Menschen. Auch diese Werte der Individualität, denen alle so nacheifern, sind schlussendlich nur Werte die der Mensch sich ausgesucht hat. Indem man von sich sagt, dass man individuell sein möchte, erwartet man von der gesamten Menschheit, dass sie genauso denken soll. Denn laut Sartre schaffen wir gleichzeitig mit dem Bild, wie wir selbst sein wollen auch ein Bild des Menschen, wie er sein soll. Nun lässt sich darüber streiten, ob man noch immer individuell ist, wenn man gerne individuell sein möchte, oder ob man nur dem Lauf der Dinge folgt und sich den Wünschen anderer beugt. Wenn man selbst will, dass alle einzigartig sind, ist man dann noch einzigartig? Schliesslich würde einzigartig sein dann zum Standard werden.

Lego.

PPP und Breugel

Pieter Breugel: Landschaft mit dem Sturz des Ikarus, ca. 1560

Ikarus entfliegt mit seinem Vater Dädalus aus ihrem Gefängnis in Kreta. Selbstgebastelte Flügel ermöglichen ihnen, den Traum aller Menschen erfüllen zu können. Ovid schreibt in seinen Metamorphosen:

Mancher, der mit schwankender Angelrute fischte, mancher Hirte, der sich auf seinen Stab, manch ein Bauer, der sich auf den Pflug stützte, erblickte die beiden, staunte und hielt sie für Götter, da sie die hohe Luft durchqueren konnten.

Doch Ikarus horcht nicht auf den weisen Vater, er nähert sich der Sonne, die das Wachs der Flügel zum Schmelzen bringt. Ikarus stürzt ab.

Breugel zeigt nur seine zappelnden Beine, die noch aus dem Wasser ragen. Fischer, Hirte und Bauer gehen ihren Beschäftigungen nach, der Abgestürzte interessiert sie nicht.

Das Bild steht für die im Schwerpunktfach PPP verbundenen Zugänge zum Menschen: Psychologie, Pädagogik und Philosophie sind drei Sichtweisen. Würden die Männer hinsehen, so könnten sie sich alle erklären, warum Ikarus Flug tragisch geendet hat. Ihre Modelle und Ansätze zeigen aber jeweils nur eine Sicht, die davon profitiert, mit anderen verbunden zu werden.

Das Bild zeigt aber auch, dass das Leben des Menschen alleine und in Gesellschaft interpretationsbedürftig ist. Es reicht nicht aus, das Bild nur anzusehen – erst das Nachdenken darüber ermöglicht eine Erkenntnis. Das ist eine gemeinsame Erfahrung in den drei Disziplinen: Das Handeln, Denken und Fühlen der Menschen werden durch Nachdenken dem Verständnis zugeführt.