Warum wir alle subjektiv sind

Auf dem Menschen ruht die gänzliche Verantwortung für seine Existenz.

Auf dieser Aussage basiert die Grundhaltung des atheistischen Existenzialismus. Der Existenzialismus ist so ausgelegt, dass der Mensch sich so erschafft, wie er sein will. Sprechen wir hier also von einem Ideal, dass sich der Mensch selbst unbewusst als Ziel setzt? Aber ein solches Ideal ist doch gar nie erreichbar, oder? Der Mensch ist komplett frei. Doch die Freiheit macht es dem Menschen schwerer, als ihm lieb ist. Sobald der Mensch volle Verantwortung über sich selbst übernehmen muss, ist jedes Versagen eine Beleidigung der eigenen Essenz.

Klar ist: jeder hat seine Mängel. Nach Sartre bedeutet das, dass sobald sich der Mensch bewusst wird, dass er sein Ziel nicht erreichen kann (dass sein eigenes Produkt, er selbst, unvollendet ist), beginnt er, nach Entschuldigungen zu suchen. Schicksal, göttliche Macht, Triebe usw. Sartre sagt hiermit, dass Menschen sich Traditionen, Religionen und Ideologien so zurechtgelegt haben, um ihr Versagen, den Weg einzuschlagen, den sie gehen wollten, entschuldigen zu können. Bedeutet Glauben aus Sartres Sicht folglich, Angst davor zu haben, sich seiner Verantwortlichkeit zu stellen?

Eine weitere Frage, die sich mir während dem Lesen gestellt hat: Weshalb ist es für den Menschen unmöglich, seine eigene Subjektivität zu überschreiten? Kann ein Mensch überhaupt die Welt objektiv betrachten? Objektiv zu sehen heisst, sich von der Essenz loslösen, die sich der Mensch selbst aufgebaut hat. Nach aussen treten und einen neutralen Standpunkt einnehmen. Doch, weshalb sollte er das tun? Oder, besser: warum tut er es eben gerade nicht?

Sartre sagt: Wir richten die Handlungen, die den Menschen erschaffen sollen, den wir sein wollen, nach dem „Bild des Menschen“ in unserem Kopf aus, das den Menschen darstellt, wie er nach unserem Befinden sein sollte. Da jeder Mensch von der Richtigkeit seiner eigenen Haltung überzeugt ist, stellt er sie eigentlich selten in Frage. Nach dem Motto: was ich tue, kann auch nur gut für die anderen sein.  So wird es natürlich schwierig, über den eigenen Zaun hinauszuschauen. Denn dieser Zaun existiert – auch wenn der Mensch komplett frei ist.

Ein weiterer Beweis für die unüberwindbare Subjektivität des Menschen ist die Sache mit der „Wahl und Bindung“. Da unsere Essenz ein Produkt von uns selbst ist, holen wir natürlich nur Ratschläge oder Meinungen von solchen, die zu ähnlichen Handlungen und Haltungen tendieren wie wir selbst. Ein expressionistisches Bild würde ich als Maler auch nicht freiwillig einem Kritiker zeigen, der nur realistische Bilder mag. Ein solches Verhalten würde gegen die eigene Essenz gerichtet sein und wie Sartre sagt: „… wir können nie das Schlechte wählen.“ Heisst also: Der Mensch zieht Ratgeber hinzu, deren subjektive Sicht auf die Dinge, seiner eigenen ähnelt und kann sich netto eigentlich gar nie einen wirklich objektiven Rat einholen.

Wie so oft nach philosophischen Gedankengängen, bleibe ich am Schluss mit mehr Fragen zurück, als zu Beginn. Ich könnte jetzt gross über die zwei Moralen philosophieren, ob es nun besser wäre, das Zimmer aufzuräumen oder an den Computer zu gehen. Da ich weiss, dass mir meine Mutter zur ersten Option raten würde, falls ich sie fragen würde, winde ich mich selbst aus dem Dilemma und wähle einfach die dritte Option: ich hole mir erst einmal etwas zu essen. Für heute wurden genug Fragen gestellt.

F.E.

 

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